Polens katholische Kirche und die Gründung der III. Republik
- 6. Juni 2018
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Die von Jarosław Kaczyński geführte Partei „Recht und Gerechtigkeit“ (PiS) sowie die von ihr gebildete nationalkonservative Regierung lassen an der III. Republik kein gutes Haar. Sie behaupten, ihre Entstehung verdanke sie einer Fraternisierung der die Verhandlungen am Runden Tisch führenden kommunistischen Vertreter mit denen der „Solidarność“. Der damalige „Verhandlungsfriede“ habe die Kommunisten nicht nur vor einer gerechten Strafe bewahrt, sondern ihnen zugleich – unter falscher Flagge - ihre politische Zukunft gesichert. Die III. Republik sei daher keine wahre Demokratie gewesen, sondern ein postkommunistisches Regime, das nun aufgrund von Maßnahmen des „guten Wandels“ seitens der jetzigen Regierung durch eine IV. Republik ersetzt werden müsse.
Diese Sicht der Dinge wird von einigen Kirchenvertretern geteilt. So etwa von Erzbischof Marek Jędraszewski, der sich 2016 dahingehend äußerte, 1989 sei das kommunistische Regime zwar gestürzt worden, doch manche seiner früheren Akteure hätten mit ihren neuen Bundesgenossen die Idee einer aller Werte beraubten Demokratie vertreten. Dabei beruft er sich auf keinen Geringen als auf Papst Johannes Paul II., dessen 1991 veröffentlichte Enzyklika „Centesimus annus“ er grundlos als Kritik der 1989 entstandenen III. Republik interpretiert.
Polens Kirche als Geburtshelfer der III. Republik
Die Wahrheit ist allerdings eine andere. Der Runde Tisch war weder ein Ort der Fraternisierung noch eines gemeinsamen Komplotts, geschweige denn einer Verschwörung. Das hat Erzbischof Tadeusz Gosłowski, der als kirchlicher Beobachter die Verhandlungen am Runden Tisch aus der Nähe verfolgen konnte, mehrfach betont. Wiederholt zitierte er seine Aussage vom November 1988, dem Beginn der Verhandlungen zwischen Vertretern der „Solidarność“ und denen der Regierung: „Polen gehört weder uns noch euch. Hören wir auf mit den gegenseitigen Beleidigungen und versuchen wir, uns zu verständigen.“
Die von Primas Józef Glemp beauftragten kirchlichen Vertreter waren an den Verhandlungen selbst nicht beteiligt. Sie haben die abschließenden Vereinbarungen auch nicht unterzeichnet. Sie waren aber als Moderatoren gefragt und damit Geburtshelfer der III. Republik. Ohne ihre Präsenz, so die Meinung vieler Analysten, wäre es angesichts der feindlichen Fronten zu keiner Verständigung gekommen.
Die Vereinbarungen am Runden Tisch eröffneten den Weg zu den halbfreien Wahlen am 4. Juni 1989. Sie garantierten den Kommunisten von Vornherein einen beträchtlichen Anteil der Parlamentssitze, ermöglichten aber andererseits den Kandidaten der „Solidarność“, sich in dem Sektor freier Wahlen gegen kommunistische Konkurrenten zu behaupten. Das Ergebnis war ein überwältigender Wahlsieg der „Solidarność“, die 99% der möglichen Stimmen auf sich verbuchen konnte. Dies bedeutete faktisch das Ende kommunistischer Herrschaft in Polen.
Dass es zu diesem Wahlsieg kam, ist gleichfalls ein Verdienst der Kirche, die ihre Räume der Solidarność für die Vorbereitung und Durchführung der Wahlen zur Verfügung stellte. Und von den Kanzeln wurde für ihre Kandidaten geworben.
Die liberalen Kräfte Polens feiern denn auch in diesem Jubiläumsjahr der Erinnerung an die zurückgewonnene Unabhängigkeit vor 100 Jahren den 4. Juni als Tag der Freiheit. So gab es in Wrocław/Breslau ein „Gabelfestival“, bei dem auf dem Marktplatz renommierte Köche die Vielfalt europäischer Küche präsentierten. Den Abschluss dieses Stadtfestivals bildete ein öffentliches Gespräch der drei ehemaligen Staatspräsidenten Wałęsa, Komorowski und Kwaśniewski, bei dem letzterer die bedeutende Rolle der Kirche bei den Verhandlungen am Runden Tisch eigens hervorhob.
Dagegen war an diesem 4. Juni 2018 in den abendlichen Hauptnachrichten des staatlichen Fernsehens zu erfahren, der 4. Uni 1989 sei ein „Tag des Verrats und des Komplotts der Eliten“ gewesen. Als „Beweis“ zeigte man Archivbilder, die Wałęsa neben Innenminister Kiszczak zeigten, kommentiert von einer vom Moderator zitierten Aussage von Premier Morawiecki: „Er habe schon damals gemerkt, dass diese viertelfreien Wahlen zu wenig waren, dass man zum Schlag ausholen musste.“ Dass in jenen Tagen auch Lech und Jarosław Kaczyński mit Kommunisten an Verhandlungstischen saßen, das wurde den Polen vor den Bildschirmen allerdings tunlichst vorenthalten. Ein weiteres Beispiel der von PiS betriebenen Verfälschung polnischer Geschichte.
Wenn heute die Kaczyński-Partei und ihre nationalkonservative Regierung in der Gründung der III. Republik einen nationalen Sündenfall sieht, dann trifft dieser Vorwurf somit auch die Kirche. Sie ist damit aufgerufen, gegen diese Art der Geschichtsfälschung und impliziten Verleumdung Stellung zu beziehen. Doch bislang hüllen sich ihre führenden Vertreter in Schweigen.
Quelle: Agnieszka Kublik, 4 czerwca diem zdrady? (Der 4. Juni ein Tag des Verrats?) Gazeta Wyborcza v. 05. 06. 2018.
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